Taiji im Grüneburgpark

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Häufige Fragen und Unklarheiten



Grafik:Taijiquan Figur aus der Speerform

Oft werde ich von verblüfften Schülern nach ihrer ersten Unterrichtsstunde gefragt, warum denn Taiji auch so anstrengend sein kann. Viele dachten einfach nur, wir machen sanfte, entspannte und inhaltslose Bewegungen zum Wohlfühlen. Nun, das Sanfte und Entspannte spielt im Taijiquan ebenso eine Rolle wie das Wohlfühlen. Das ist schon richtig ...

Aber:

Viele der Schüler befinden sich anfangs in einem körperlichen Minus was Körperhaltung und Struktur betrifft. Diese schlechte Struktur mit all ihren negativen Auswirkungen hinsichtlich Gesundheit und Wohlbefinden haben wir uns durch jahrelange Fehlhaltung, mangelnde oder falsche körperliche Betätigung hart erarbeitet. Nun müssen wir uns aus diesem Minus wieder herausarbeiten. Um von dort tief in den Plus Bereich vorzudringen und damit zwangsläufig unser Wohlbefinden und auch unsere Kampfkunst zu verbessern. Bzw. die oft falsch verstandenen "Geheimnisse" unserer Kunst überhaupt erfahrbar zu machen.

Dazu bedarf es in keinster Weise aufwendige Sport und Fitneslektionen mit quälenden Konditionstraining oder ähnlichen uns aus dem Sportunterricht bekannten Übungen. All dies ist natürlich gut und wohl auch gesund, aber nicht Gegenstand meines Unterrichts.

Trotzdem unterschätzen Schüler oft den äußeren Aspekt dieser inneren Kampfkunst oder verstehen ihn aufgrund ihrer mitgebrachten Vorstellung falsch.


Daher möchte ich diesen am Beispiel der Waffenformen kurz erläutern:



Chen Wangting hat zwar das Taijiquan entwickelt, nicht aber die Kampfkunst neu erfunden. Er hat lediglich die bestehenden äußeren Kampfkunstformen um ein inneres Element erweitert.

Sprich den Qigong – Anteil erhöht und verfeinert.


Zum Beispiel Speerform:

Unsere Speerform besteht, so wie alle effektiven Kampfkunstformen, aus einem äußeren Rahmen. Nämlich die einzelnen Figuren. Will ich z.B. mit dem Speer ein Stich ausführen, so muss ich mit meinem Körper hinter dem Speer stehen, also Kraft in die Spitze und von dort weiter in und durch den Körper des Gegners leiten. Also evtl. sogar durch seine Rüstung stoßen. Das braucht natürlich einen äußeren Aufbau der Figur (Körperhaltung) und natürlich einen logischen Ablauf der äußeren Bewegung um diesen Stich effektiv überhaupt ausführen zu können. Schließlich kann ich ja nicht mit meinem Speer in meiner Figur stehen und darauf warten, dass der Gegner von alleine in meine Waffe rennt um sich aufzuspießen.

Ich lerne also erst einmal eine äußere Form!
Um im Kampf allerdings effektiv zu sein, muss ich diese Figur (hier im Beispiel ein Stich mit dem Speer) auch an den Mann bringen können, der das natürlich und verständlicher Weise gar nicht mag und somit auch verhindern will.

Ab hier kommen die tieferen Inhalte einer jeden effektiven Kampfkunst ins Spiel (ganz gleich ob diese als sog. innere oder als äußere Kampfkunst bezeichnet wird):

Zur Erklärung sollen hier 4 Elemente dieser Inhalte dienen (es gibt also noch mehr davon):

Ting Jin (Kraft hören),
Dong Jin (Kraft verstehen),
Hua Jin (Kraft umleiten),
Fa Jin (die eigene Kraft hinzufügen),


Dies sind vier sehr wichtige Elemente im Taijiquan, die uns helfen sollen, unsere Kampfkunst an den Mann zu bringen. Ohne ein gewisses Verständnis dieser Elemente werde ich zwangsläufig jeden Kampf verlieren. (Es sei denn, mein Gegner stellt sich wirklich blöd an. Draußen auf der Straße ist das glücklicher Weise auch meist der Fall, was uns die Selbstverteidigung enorm erleichtert!
Viele moderne Selbstverteidigungssysteme spekulieren sogar genau auf diese Tatsache und bauen ihre „Kampfkunst“ auf der Annahme auf, einem nicht ausgebildetem Gegner gegenüberzustehen).

Habe ich es aber mit einem ernstzunehmenden Gegner zu tun, sind die oben genannten vier Punkte essentiell!

Das ist so und war auch schon vor Chen Wangting so, schließlich mussten die Kämpfer und Krieger früherer Zeiten ihr Leben auch möglichst effektiv verteidigen. Und das nicht nur im Fernen Osten, sondern auch hier bei uns! So kam es also, dass früher oder später eine jede Schule effektiver Kampf.- und Kriegskunst eine Methode entwickeln musste ihren Schülern die Punkte:

Passiert hier etwas,
wann passiert dies und vor allem
was genau geschieht hier gerade,

nahezubringen. Schon lange vor Taijiquan gab es Überlegungen, Strategien und Anwendungen dieser Aspekte (zum Beispiel in unserer deutschen Schwertfechtkunst). Spätestens wenn ich mich im Bande befinde – sprich beide Waffen sich berühren – muss das sensible Fühlen und Hören zum Einsatz kommen. Eigentlich aber schon lange vorher, nämlich um die Berührung, den Kontakt, von vorneherein zu vermeiden. Dazu muss ich meine Sensibilität und meine Wahrnehmung – sprich mein Bewusstsein schulen!

An dieser Stelle kommen wir wieder zurück zu Chen Wangting und Taijiquan:


Chen Wangting und das Taijiquan hat diese Energien und Kräfte nicht entwickelt und schon gar keine abgehobenen und realitätsfernen Schlaffiformen entwickelt um darauf zu warten, das irgendwann etwas Wunderbares und Übernatürliches geschieht.

Nein, so war das wohl nicht!

Chen Wangting hat diese äußeren, und auch damals zwangsläufig schon inneren Elemente der Kampfkunst um einen erweiterten Qigonganteil aufgefüllt, ergänzt und erweitert. Und hat damit die Effektivität der Kampfkunst erhöht, denn letztenendes ist es das Innere, das Neijin, was unsere Kampfkunst effektiv macht. Es ist das Neijin was der äußeren Bewegung überhaupt erst einen Sinn verleiht!

Diese alte Erkenntnis hat er in einer sehr ausgetüftelten Lehre und Form angewandt, die es uns, und seinen damaligen Schülern ermöglicht, die bereits bestehenden inneren, sowie auch äußeren Aspekte der Kampfkunst noch weiter zu verfeinern und / oder für viele überhaupt erst zugänglich zu machen.

Taiji ist der Inhalt, die ursprünglichen Bewegungen der Form sind und bleiben äußerlich.
Beides zusammen ergibt die effektive Kampfkunst.
Innen und Außen ergänzen sich, verschmelzen und werden eins!

Um es noch einmal ganz klar zu machen:

Taijiquan besteht aus einem sehr feinen höchst effizienten inneren Aspekt, der Wahrnehmung und Sensibilität stark erhöht und unsere Gesundheit und geistige und spirituelle Entwicklung fördert. Dieser innere Aspekt ist allerdings an eine äußere Form gebunden, die diesen überhaupt erst zugänglich und wirksam macht.

Wollen wir Taiji lernen müssen wir beides Schulen und Entwickeln: Nämlich Innen und Außen!

Und dies ist mit Mühe und Arbeit verbunden, aber genau deshalb bezeichnet man es als Gong Fu!

Viel Spaß dabei,

Sören Aissen



Anmerkung:

Dieser Text ist bewusst kurz gehalten. Einige Punkte und Aussagen bedürfen wohl einer Spezifizierung und Erklärung. Dazu ggf. mehr im Unterricht.
An dieser Stelle möchte ich kurz auf lesenswerte Literatur verweisen:

Jan Silberstorff : Chen – Lebendiges Taijiquan im klassischen Stil
Dieses Buch stellt wohl das beste deutschsprachige Werk über Taijiquan dar. Für Taijiinteressierte eine Pflichtlektüre. Jan erklärt die Hintergründe unserer Kampfkunst sehr gut.

Den geschichtlichen Hintergrund des Taijiquan hat Nabil Ranné in seinem Buch „Die Wiege des Taijiquan“ genau erklärt. Nabil gibt hier einen tiefen Einblick in die chinesischen Kampfkünste und Entstehungsgeschichte des Taijiquan.

Wer sich näher mit den Elementen des Qigong befassen möchte, dem sei das Buch "Himmel-Erde-Mensch Einführung in die Alchemie des Qigong" von Gerhard Milbrat empfohlen.