Taiji im Grüneburgpark

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Chen-Stil Taijiquan: Wie geht Taiji ?


Grafik: Figur aus einem alten Tajiklassiker nebst Erklärung

Kurzer Überblick über den philosophischen Background:

Die philosophische Grundlage des Taijiquan findet sich im Daoismus. „Nicht unterscheiden, nicht trennen“, lautet eine der wichtigsten Parolen der alten Daoisten. Ziel dieser Aufgabe ist das Einswerden mit der Gesamtheit aller Dinge und „Nichtdinge“ um dadurch Erleuchtung und eine Form von „Unsterblichkeit“ zu erlangen. Im Taijiquan geht es aber erst einmal darum zu lernen, etwas zu trennen und zu unterscheiden: Nämlich Yin und Yang! Wir setzen also eine Stufe niedriger an - eben im Taiji. Taijiquan ist also etwas sehr Bodenständiges. Erst wenn man diese Stufe erreicht und gemeistert hat kann man, sofern man das anstrebt, zu noch höheren „Bewusstseinsstufen“ vordringen. Diese philosophischen Grundlagen finden wir auch in anderen fernöstlichen Bewegungslehren sowie in der Meditation.

Erklärung der Begriffe Yin und Yang, Wu Wei und Dao


Taijiquan ist jedoch eine Kampfkunst,

deren Wurzeln auf den Schlachtfeldern des alten China zu finden sind. Dies wiederum macht Taijiquan zu einer sehr bodenständigen und praktischen Sache, die weit entfernt ist von abgehobenen Esoterikübungen.



Warum Yin und Yang trennen bzw. unterscheiden?

Während Wuji – das absolute Eine, aus dem alles andere durch Teilung entstand, die Gegensatzlosigkeit beschreibt, beschreibt Yin und Yang - also Taiji – eine Kraft und ihre Gegenkraft, Teil und Gegenteil. Die Philosophie des Taiji ist also eine Lehre diesseits von Wuji, also der "realen" Welt / der lebendigen Welt - also einer Welt der Bewegung. Alles in dieser Welt besteht aus Teil und Gegenteil. Taiji ist demnach geprägt von Veränderung und damit vergänglich. Dieses "Vergehen" geschieht in jedem einzelnen Moment und ist praktisch die Natur dieser Welt, ja des gesamten Universum.
Vergehen ist Wandlung und Wandlung ist Taiji. Im Gegensatz dazu steht die Einheit, das Ungeteilte und unveränderbare Unvergängliche des Wuji. (Wenn aber alles in der bewegten Welt aus dem Einen - dem Absoluten entstanden ist, also Taiji aus Wuji; Wie kann dann das Wuji absolut und unvergänglich sein? Wenn aus dem Nichtsein das Sein hervortritt beginnt die Zweiheit - also das Eine und das Andere und damit Taiji, das Werden und Vergehen. Demnach müsste es also hinter der Einheit eine noch tiefere Einheit geben, aus der die teilbare Einheit entspringt - das sei nur mal so am Rande bemerkt, zum Nachdenken) :-).

Im Taijiquan jedoch haben wir es deutlich einfacher:

Wir arbeiten mit realen Kräften - nämlich mit Yin und mit Yangenergien - deren Anwendbarkeit in der Kampfkunst nicht zu unterschätzen ist. Das haben natürlich auch die alten Meister und Profikrieger der alten Zeiten sehr schnell erkannt und schließlich in einer Lehre zusammengefasst. Im Groben sieht das so aus, dass wann immer eine Kraft oder Energie auf mich wirkt, auch eine Gegenkraft vorhanden ist. Wo immer eine Richtung ist, ist auch eine Gegenrichtung. Die Kräfte und Energien des Gegners wirken auf mich, meine Kräfte wirken auf den Gegner. Will ich diesem überlegen sein, so benötige ich ein tieferes Verständnis über diese Kräfte und Gegenkräfte – ich muss also lernen diese Kräfte zu analysieren und zu nutzen. Dies ist ganz normale Kampfkunstpraxis.



Was macht Taijiquan so besonders geeignet als Kampfkunst und vor allem auch als Gesundheitslehre?

Das Taijiquan (ich meine damit gutes, also realistisches, Taijiquan) geht hier konsequent einen Schritt weiter als die meisten anderen Übungsmethoden! Denn: Ich integriere die Energien und Kräfte des Gegners in mein Bewegungssystem - in meine Spiralbewegungen im Inneren. Dieser Vorgang erzeugt Bewegung! Um eine kämpferische Überlegenheit zu erlangen muss ich, unter Beachtung des oben genannten Prinzips, lernen Kräfte zu unterscheiden, die mitunter sehr klein und kaum mehr wahrnehmbar sind. Mein Gegner könnte ja ebenfalls das Prinzip kennen und wird dementsprechend versuchen durch immer feinere Bewegungen keine oder nur wenig Hinweise auf sein Handeln zu geben. Wenn ich seine Kräfte lesen kann, ist es mir mit etwas Praxis auch möglich diese zu meinen Gunsten zu nutzen und zu lenken. Dementsprechend müssen wir also versuchen, mit immer weniger Kraft einen größeren Nutzen zu erreichen und wir müssen lernen keine Hinweise auf unsere Handlung zu geben. Dazu muss ich meinen Körper und insbesondere den Körper des Anderen kennen und lesen lernen.



Sensibilität

Grafik: Figur aus der alten Taji Form

Hier kommt die Sensibilität zu tragen: Berühre ich eine andere Person, beginne ich intuitiv zu lesen welche Kräfte und Energien dort wirken! Also in welche Richtung wirkt seine Kraft - mitunter in seinem eigenen Körper – in welche Richtung wirkt die zugehörige Gegenkraft und an welcher Stelle kann ich sie beeinflussen, wo stagniert diese Kraft und wo staut sich diese Kraft. Wirkt diese Kraft auf mich kümmere ich mich darum, wirkt sie nicht auf mich, so stellt sie auch keine Gefahr dar und eröffnet mir freien Handlungsspielraum. Spüre ich eine Blockade in seinem Körper – oft im Rücken und Schulterbereich – so versuche ich noch mehr Energie auf diesen Punkt wirken zu lassen, mit der Folge, dass mein Gegenüber an dieser Stelle Schaden nehmen wird oder zumindest seine Körperstruktur über diesen Punkt verlieren wird, was es mir erleichtert ihn zu besiegen. Spüre ich eine Substanzlosigkeit, hervorgerufen durch eine Schwäche der Verbindung eines Körperteils zum Rest des Körpers (oft in den Armen), so drücke ich ihn dort ein und bringe ihn aus dem Gleichgewicht oder binde ihn und kann ihn somit leicht besiegen. Ohne Gleichgewicht ist eine effektive Gegenwehr nur schwer möglich. Ist der Gegner am ganzen Körper steif kann er mir nicht folgen. Wenn er mir nicht folgen kann, kriegt er mich nicht und stellt somit keine Gefahr dar. Im Notfall kann ich ihn einfach als ganzes, sozusagen aus den Schuhen Schubsen. Das wiederum würde nicht gehen, wenn er gelernt hat meiner Kraft flexibel nachzugeben und somit in der Lage ist ihr aus dem Weg zu gehen.

Möchte ich diese Schwachstellen beseitigen brauche ich einen Körper, der von einer nachgiebigen, entspannten Struktur durchzogen ist, welche alle Körperteile miteinander verbindet. Mein Körper besteht also nicht mehr aus Einzelspielern sondern aus einer Einheit, aus einer Mannschaft! Damit liegt der positive Effekt für Gesundheit schon auf der Hand: In der Regel ist es nicht eine Notsituation, sonden es sind ganz normale und alltägliche Kräfte, die auf meinen Körper wirken und ihn belasten. Dies können mechanische Kräfte, das Körpergewicht selbst, aber auch Stress und Ärger sein. Kann ich diese Kräfte nicht ableiten, so richten sie irgendwann Schaden an!

Habe ich aber gelernt, mit diesen belastenden Energien sinnvoll umzugehen, dann können mir diese Kräfte nicht schaden. Dazu ist es notwendig, diese Kräfte und ihre Wirkungen im Körper kennenzulernen. Dies ist eines der Ziele meines Unterrichts!
Wir lernen mechanische Kräfte und schädigende Energien in den Boden abfließen zu lassen ohne ihnen die Möglichkeit zu geben sich zu stauen. So lerne ich meinen Körper vor Verschleiß zu bewahren. Und genau hier liegt eine der wichtigsten gesundheitsfördernde Eigenschaften des Taijiquan! (Dies schließt die positive und festigende Wirkung auf unseren Geist mit ein.)



Was kann und sollte ein guter Lehrer tun?

Ein guter Lehrer sollte in der Lage sein zu erkennen, wo sich Kräfte im Körper seines Schülers stauen und warum. Er sollte in der Lage sein, diese Schwächen durch Körperkorrektur und unterstützende Anweisungen allmählich zu verringern und schließlich zu beseitigen. Er sollte ebenfalls in der Lage sein, diese Vorgänge zu erklären. Er sollte aber auch in der Lage sein, dies im Selbstverteidigungsfall zu nutzen. In der Selbstverteidigung muss man diese Schwachstellen in Sekundenbruchteilen erkennen, deuten und nutzen – nur so kann man einen Angriff sinnvoll abwehren und einen Angreifer besiegen. Leider sehe ich oft eine Trennung zwischen „kämpferischem“ Taiji und sogenannten „gesundheitsorientierten“ Taijiquan. Diese Trennung macht aber in meinen Augen keinen Sinn! Vor allem nicht für die entsprechende Lehrkraft! Denn: Habe ich nie gelernt und erfahren, wie Kräfte und Energien auf mich wirken, so habe ich auch nie gelernt diese zu unterscheiden – ich hatte ja nie Gelegenheit dazu. Also ist meine Kunst lediglich eine theoretische Kunst und meine Kenntnis darüber nur Theorie, die mit der Realität nicht unbedingt in Verbindung zu bringen ist egal wie ausgeklügelt diese Theorie auch sein mag. Also sollte ein guter Lehrer Erfahrungen auch in der kämpferischen Seite des Taijiquan erworben haben. Natürlich sollte ein guter Lehrer diese Kenntnisse zu vermitteln verstehen.



Wie macht er das?

Das Konzept der WCTAG, nach deren Inhalten ich im Wesentlichen unterrichte, vermittelt unter anderem folgende Fertigkeiten:

1. Wir lernen dem Körper eine Struktur zu verpassen und seine Wahrnehmungsfähigkeit zu steigern. Das Instrument hierfür nennen wir Zhanzhuang Übung. Zhan Zhuang bedeutet Stehende Säule und beschreibt eine alte Übungsmethode aus dem Qigong. Ich erkläre diese Übungsmethode eingehend an anderer Stelle.

2. Wir lernen und lehren den Körper entsprechend der Taijiprinzipien zu bewegen. Das Instrument hierfür ist die Form und die Seidenübungen. Auch diese habe ich unter Unterrichtsinhalte und Prinzipien erklärt.

3. Das Lernen des Kampfkunstinhaltes. Das Instrument hierzu ist etwas, was viele Schüler und Lehrer des Taijiquan in letzter Konsequenz nicht gerade gerne lernen und mangels Wissen oft nicht lehren. Der Grund hierfür ist einfach: Es ist schmerzhaft! Aber ohne Kämpfen keine Kampfkunst! Ohne Praxis bleibt nur Theorie! Wenn ein Lehrer wissen will wie und ob eine Technik aus der Form funktioniert, so muss er sie anzuwenden lernen und das geht nun einmal nur mit Partner und viel Training. Wenn ich nicht mit einem Partner halbwegs realistisch übe ist mein Wissen aus der Form nur Theorie. Das Wissen über die Wirkung der durch einen Gegner auf meinen Körper wirkenden Kräfte lerne ich nur kennen und deuten wenn Kräfte eines anderen auf meinen Körper wirken. Nur so lerne ich schließlich mit diesen Kräften umzugehen, sprich sie wirkungsvoll zu handhaben. Oft sind sich „fortgeschrittene“ Schüler nicht über die Wirkungsweise eines Schlages im klaren! Der Grund ist einfach: In der Form lernt man einen Fauststoß, doch dieser trifft nie und ist somit auch nur die praktische Form eines theoretischen Schlages. Wende ich diesen Schlag eines tages doch einmal in der Wirklichkeit an, so erkenne ich schnell, dass es hier einerseits plötzlich ums Treffen geht und andererseits erkenne ich das durch den Treffer Kräfte und Energien wirken, die mir nie bewusst waren und mit denen ich auch nie gelernt habe umzugehen. Da hilft dann auch keine erhöhte Sensibilität, denn wie heißt es so schön: „Was ich nicht kenn, das weiß ich nicht!“ (Und weiter: „Was ich nicht weiß, das weiß ich nicht - also gibt es auch nichts, was ich nicht weiß!“). Ferner erkennt man, um bei dem Beispiel mit dem Fauststoß zu bleiben, das dieser durchaus unterschiedliche Qualitäten haben kann - ganz so wie ein guter Wein - und man findet diese inneren Qualitäten dann auch in den Bewegungen der Form wieder und kann diese nun gezielt trainieren und üben.


Für den gesundheitsorientierten Unterricht sind anfangs vornehmlich die ersten beiden Punkte von Belangen, da wir in der Hauptsache den Gesundheitsaspekt fördern wollen. Doch in den Wochenkursen spielt die kämpferische Seite des Taijiquan ab einem gewissen Ausbildungsstand eine zunehmend bedeutendere Rolle.

Generell lernen wir erst die Grundprinzipien, also die oben genannten Punkte Eins und Zwei. Erst wenn diese Schwächen bis zu einem gewissen Grad ausgeräumt sind, macht es Sinn sich eingehend mit Punkt Drei zu beschäftigen. Für eine Lehrkraft sollte dies aber obligatorisch sein. Mit Punkt Drei meine ich allerdings nicht die üblichen praktischen Anwendungen zur Selbstverteidigung, diese können meines Erachtens schon recht früh in den Unterricht mit einbezogen werden.

Hat sich der Schüler eine ausreichende Grundlage erarbeitet, kommt zunehmend ein weiterer Aspekt ins Spiel: Das tiefe Arbeiten mit der Energie Qi, die Meditation und die Schulung der Wahrnehmung. Spätestens ab hier tauchen wir zunehmend tiefer in unsere spirituelle Welt ein. Doch bis dahin ist zum Glück ein weiter Weg täglichen Übens zu gehen, um überhaupt erst die Grundlagen für weitere Tiefe zu schaffen. Nicht jeder Mensch ist geeignet in dieser Tiefe zu arbeiten. Eine gewisse geistige und mentale Eignung ist hier Voraussetzung, sonst richtet man mehr Schaden an als Nutzen! Der Lehrer sollte hier eine Auswahl treffen und seine Schüler im langjährigen Unterricht kennengelernt haben. So beginnt man also mit den einfachen Dingen und arbeitet sich nach und nach in die Tiefe vor. So ist mein Unterricht in Firmen und Wochenkursen anfangs auf die Bedürfnisse der jeweiligen Schülerschaft abgestimmt und ausgerichtet. Eine sechzigjährige Frau wird natürlich nicht auf dem gleichen Weg Taijiquan lernen wie ein sechzehnjähriger Junge. Doch beide werden vom Unterricht profitieren und können diese Kunst erlernen! Beide haben Eigenschaften, die dem jeweils anderen fehlen - beide müssen üben und lernen die fehlenden Eigenschaften auszubilden und zu stärken. So ist neben dem Ziel auch der Weg dorthin ein lohnendes Ziel, aus welchem wir Kraft und Energie schöpfen können.


Sören Aissen