Taiji im Grüneburgpark

Sie befinden sich hier : Chen-FRA Spiritueller Hintergrund des Taijiquan Buddhas Wächter

Die geistige Haltung in der Kampfkunst in Verbindung ihrer (buddhistischen) Werte.


Image Chen Taijiquan im chinesischen Garten

Buddhas Wächter stampft mit dem Stößel

Gedanken zur Figur: "Buddhas Wächter stampft mit dem Stößel - Jin gang dao dui" des Chen-Stil Taijiquan.


Wir alle kennen die grimmig aussehenden Wächterfiguren - nicht nur aus dem fernöstlichen Kulturkreis. Wie paßt eine solche, scheinbar aggressive, Figur in eine so friedliche Weltanschauung wie dem Buddhismus fragt man sich anfangs. Aber der Buddhismus schließt Gewalt nicht unbedingt aus. Die rechte Geisteshaltung steht hier im Vordergrund!

Aggression verängd, engt ein, blockiert. Im Taijiquan wollen wir aber öffnen, befreien. (Ich meine in diesem Zusammenhang nicht das gezielte Schließen im technischen Sinn - wenn der Körper schließen muß, soll er schließen, sich geradezu versiegeln wenn nötig und wenn er sich ausdehnen und öffnen soll, dann öffnen wir. Ich spreche hier eher von einem unwillkürlichen Schließen - einem destruktiven Schließen aufgrund negativer Geisteshaltung. Dieses behindert meine Techniken in der Kampfkunst - nämlich dann, wenn ich eigentlich öffnen will. Es handelt sich damit um eine Blockade, die eine gerichtete Bewegung hemmen kann). Doch im Normalfall, gehen wir möglichst offen durch die Welt - mit befreitem Geist und ohne Furcht. So öffnen wir auch unseren Geist. Der Kopf wird klar und hell, der Geist kann sich ausdehnen. Man spürt das deutlich - besonders in der Meditation. Der kleinste aggressive Gedanke verengt diesen freien / weiten Geist wieder - auch das spürt man!

Taijiquan sollte man daher ohne aggressive Gedanken frei und friedlich üben und anwenden um die volle Wirkung auf unseren Geist und Körper entfalten zu können. Dazu muß man loslasen können - dieses Loslassen ist es dann auch, was unseren Körper und Geist mit großer Kraft und Stärke erfüllt. Diese Kraft wiederum bewegt und koordiniert unseren Körper in der Bewegung. Sogar in der Selbstverteidigung! Auch dort nutzen wir unsere Kenntnisse dieser Kunst nach Möglichkeit ohne Zorn und ohne Hass. Wir befinden uns hier in einem freien, gleichmütigen und den Umständen entsprechend mitfühlenden Gemüt eines kraftvoll schützenden, starken aber auch erbarmungslosen Wesens, das im Moment das tut, was getan werden muß, um sich (oder andere) vor Leid zu schützen. Dieser Akt kann sehr gewaltig sein - voller Stärke erschütternd und unwiederruflich. Aber niemals rachsüchtig, zornig einengend sondern stets frei und stark den Raum erfüllend.

Gleichmütig und mitfühlend zugleich. Ich sehe hier keinen Wiederspruch. Welcher Kampfkünstler kennt diese Situation nicht, angegriffen zu werden von einem verstörten und verblendeten Ego, irgendwo auf der Straße. In der Regel gehen hier Worte voran, die Mitgefühl erzeugen, spiegelt der Angreifer doch nur das wieder, was er ist - er gestaltet in dieser Art seine Welt mit Wut, Zorn und Neid und all der Ängste, die diesem Verhalten zu Grunde liegen. In der Konsequenz wird er auch immer wieder ernten was er säht und seine Umgebung damit Vergiften. Gleichgesinnte versammeln sich gerne um diese Menschen - es gibt ja genug davon. Wir haben dafür Mitgefühl, möchten wir mit diesem Charakter doch nicht tauschen wollen - wissen aber dass wir diesen Mensch und seine Welt im Moment nicht ändern können und wollen. Dafür ist jetzt nicht die Zeit, hat er sich doch festgelegt. Daher der Gleichmut. Wir reagieren nach Möglichkeit unbeeindruckt aus unserer stabilen Stärke heraus und tuen das, was die Situation der Verteidigung verlangt. Dies aber bedingungslos mit aller notwendigen Stärke und Macht!

Die Mittglieder des alten Chenclan hatten über viele Generationen hinweg nicht nur Kampfkunst geübt, sondern auch in ihren zivilen und militärischen Berufen anwenden müssen. Sie haben Karawanen begleitet und beschützt und sie waren als Personenschützer tätig. In mehreren Fällen galt es in der Geschichte ihrer Familie ihr eigenes Leben und das anderer in Kämpfen auf Leben und Tod zu verteidigen. Sich selbst beruflich solchen Situationen auszusetzen, damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten ohne schlechtes Karma für sich zu erzeugen, benötigt unbedingt eine stabile Geisteshaltung jenseits von Aggression, die ja wieder nur Aggression hervorbringt. (Man sollte sich hier vor Augen führen, dass solche Auseinandersetzungen nun auch mit dem Ableben des Kontrahänden endeten oder enden konnten. Auch heute gibt es da oft keinen Spielraum z.B. im bewafneten Kampf).

Die anzustrebende Geisteshaltung spiegelt sich im täglichen Sein, im täglichen Üben und den Lehren des Chen Taijiquan wieder und wird durch die Figur "Buddhas Wächter stampft mit dem Stößel - Jin gang dao dui" am Anfang und Ende unserer Taijiquan Formen symbolisiert.

Diese Figur rahmt unsere Form gewissermaßen ein und gibt uns so auch den Rahmen vor, in dem wir unsere Handlungen zu vollziehen haben. Somit stellt diese Figur neben ihren Anwendungen einen sehr tiefen symbolischen Wert unserer Kunst dar und gibt uns einen deutlichen Hinweis darauf, mit welcher Wesenhaftigkeit wir unsere Kunst auszuüben haben.

Die kraftvoll Schützende Eigenschaft stellt eine der vier Tatbereiche des Buddhismus dar. Klar beobachtend, unerschütterlich, aufrecht und stark zeigt sich dieses Wesen. Man erkennt es, wenn es den Raum betritt.

Noch eine kleine Entdeckung meinerseits zum Nachfühlen und Erkunden: Wenn man die Spirale des linken Armes am Ende der Figur sehr sorgfältig und voll in der Struktur mit dem Körper ausführt, entsteht ein Gefühl der Wärme und der Energie in der vor Dantian nach oben geöffneten Hand. (Ich mache hier einen Kreis, dessen Energieverlauf wir aus der kleinen seitlichen Seidenübung kennen).
Das ist in sofern interessant, weil einige der buddhistischen Wächterfiguren in der Weise abgebildet werden, in der sie in der linken unteren Hand vor dem Körper eine Schale halten, in der sich reines Lebenselixier - sprich Qi befindet. Die rechte Hand zeigt nach oben und kann eine Waffe oder Gegenstand halten. Auch in unserer Form symbolisiert die Rechte Stärke und Macht mit der aufgestellten Faust, welche dann mit Macht in die gefüllte Schale mit Lebenselixier herabstößt. Diese Geste zeigt deutlich Stärke und Achtung aber sollte nicht als einen Akt der zornigen Wut gesehen werden, sondern als einen Akt freiwerdender schützender und notwendiger Gewalt! (Einer meiner Schüler deutet diese symbolische Handlung des Wächters, nämlich das Schlagen mit der Waffe in die Schale mit dem Lebenselixier, als Sinnbild dafür, das eigene Ego zu zerstören - auch ein interessanter Gedanke).

So sollte auch im Unterricht das eigene Ego - auch und vor allem das des Lehrers oder Meisters - im Hintergrund stehen. Der Unterricht sollte nicht von den Ängsten und Gefühlen des Lehrers oder der Schüler dominiert werden. Es geht im Unterricht um das Erlernen von Taijiquan und nicht darum, seinen Schülern einzuhämmern wie toll das eigene Ego, also das des Lehrers ist. Wie schön ich meine Form laufe, wie unbesiegbar ich bin oder gerne wäre, wie dolle ich meine Schüler verhauen kann und was für schöne Kleider ich trage geschmückt mit schwarzen Gürteln und anderen Errungenschaften - all das sind in meinen Augen keine guten Eigenschaften, stellen sie doch nur die eigenen Verhaftungen dar und behindern das wirkliche Vorankommen der Schüler und des Lehrers selbst - zumindest wenn es um die geistige Entwicklung geht. …. Ich bitte diese Anmerkung nicht überzubewerten! Jeder Mensch hat nun einmal seine Eigenheiten und Charakter - aber ich selbst habe mehr als einmal Lehrer der Kampfkünste angetroffen, die im ersten Satz voller Neid und Wut über andere redeten, gar getrieben waren und im zweiten Satz eindringlich von ihrer kurz bevorstehenden Erleuchtung oder daoistischen Verwirklichung erzählten. Legt man aber keinen Wert auf geistige Entwicklung kann man mit dem Ausleben solcher Schwächen viele Schüler um sich versammeln und gutes Geld verdienen. Erkennt der Schüler doch seine eigenen Schwächen und die damit verbundenen Erwartungen im Lehrer wieder und sucht danach. Ich denke, man sollte hier zunächst einen gesunden Mittelweg wählen - kommen die Schüler doch an ihren Vorstellungen von Gong Fu verhaftet zum ersten Unterricht.
Auch hier zeichnet sich der Weg erst deutlich ab, nachdem man begonnen hat ihn zu gehen. Irgendwann sollten sich aber auch solche Verhaftungen lösen - die Dinge sind selten so, wie man sie sich erträumt.

Wie dem auch sei - die Figur "Buddhas Wächter" bietet also auch, und vielleicht sogar besonders dem Lehrer und fortgeschrittenen Schüler, einen Maßstab seiner Verwirklichung auf seinem Weg zum tieferen Verständnis von Taijiquan und dem eigenen Sein in der Welt.

… Da mir allerdings keine Schriften bekannt sind, in der einer der alten Meister explizit darlegt, warum diese Figur unsere Formen geradezu einrahmt bleibt dieser Text natürlich nur Spekulation meinerseits. Die Figur des Wächter Buddhas taucht in verschiedenen Ausführungen und damit in verschiedenen Anwendungen in unseren Handformen sehr oft auf, was natürlich auch ihre Wichtigheit hinsichtlich ihres technischen Repertoir unterstreicht. Ebenso ist es interessannt, daß diese Figur nur im Taijiquan der Chenfamilie zu finden ist. Sie ist geradezu ein Symbol für unseren Stil. Diese Figur "Jin gang dao dui" muß den Ahnen unseres Chen-Taijiquan wohl sehr wichtig gewesen sein. Warum genau? … Da kann sich jeder seine eigenen Gedanken zu machen - vielleicht ging es ja genau darum ;-) Ich denke, ich habe hiermit eine kleine Anregung gegeben, von der ich denke und hoffe, nah an der tatsächlichen Motivation unserer alten Meister des Chen Gong Fu zu liegen. Viel Spaß