Taiji im Grüneburgpark

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Taijiquan als Lebenskunst: Das Wu Wei zur Steigerung der Aufmerksamkeit. TaiChi als Weg zu einem Leben im „Hier und Jetzt“.


Image Anwendung Säbellehrgang

Das Wu Wei zur Unterstützung unserer Tai Chi-Praxis und Taji - Lebenskunst

An vielen Stellen der Schriften über das Gong Fu des Taijiquan wird gefordert, sich selbst aufzugeben, um dem Gegner folgen zu können. Absichtslos und Aufmerksam.

Was ist die Grundlage von Absichtslos und Aufmerksam?

Aufmerksam bedeutet, das „Hier und Jetzt“ in jedem Moment wahrnehmen zu können. Das „Hier und Jetzt“ existiert nur für einen einzigen Moment – eben genau jetzt! Gedanken verhindern die Wahrnehmung des „Hier und Jetzt“. Unsere Gedanken sind immer an die Vergangenheit gebunden, da sie in eine vergleichende Beziehung zu Vergangenen gesetzt werden und auf früheren Erfahrungen beruhen. Denken wir, so sind wir nicht im Jetzt, sondern im Gestern, also in einer nicht realen Traumwelt gefangen.

Um in der Gegenwart zu leben, muss ich mich also von meinen Gedanken befreien. Das ist alles!
Befreie ich mich von allen Gedanken, bin ich aufmerksam auf das Außen gerichtet und ruhe gleichzeitig tief in meinem Inneren – innen und außen lösen sich auf.
Da mein Ego, also mein Ich, ebenfalls an meine Gedanken gebunden ist, welche mir ja erzählen: Das bist Du, Herr oder Frau So und So, ein wirklich toller Kerl – oder auch nicht, je nach dem was meine Gedanken mir gerade weiß machen wollen, löst sich mit den Gedanken auch das Ego und das Ich auf. Ich höre also auf zu sein. Allerdings verschwinde ich nicht einfach, lediglich meine Gedanken – die Gedankenwelt - sind weg. An ihrer Stelle erscheint eine neue Welt, nämlich die Realität des Seins, ungestört und klar.

Das Ego, das Ich, stellt ebenso eine Abgrenzung oder Begrenzung zu den Anderen dar. Lasse ich mein Selbst zurück, verliere ich dementsprechend auch meine abgrenzende Wahrnehmung auf die Dinge, zu Gunsten einer tiefen Einheit. „Ich“ werde Eins mit dem Universum. Unsere Bindungen und Grenzen lösen sich, ich schaffe Leere, der Geist wird frei.

Das Leben in der Gegenwart schafft eine Verbindung mit dem Dao und seinen Wirkungen!

Das hier Beschriebene stellt natürlich den absoluten Zustand dar! Dies hätte dann nicht nur einen erleuchteten Zustand, sondern auch Unsterblichkeit zur Folge, so wie sie oft in den alten Texten der chinesischen Weisen erwähnt wurde. Aber so weit muss man gar nicht gehen. Für unsere Zwecke reicht es Schritt für Schritt seine Grenzen zu erweitern, die Aufmerksamkeit zu schulen und Ruhe zu finden. Diese Ruhe sollte man in der Kampfkunst beibehalten können, diese Praxis erfordert entsprechendes Training.

Allerdings setzt das Wuwei in meinen Augen auch Ehrlichkeit voraus. Nämlich Ehrlichkeit gegenüber mir selbst. Das Wuwei eröffnet mir ein freieres und unbeschwertes Leben. Aber kein Lotterleben. Auch geht es hier nicht darum, sich die Dinge schön zu reden. Dieses Schönreden wäre ja wieder ein Leben in der Vergangenheit, da an Gedanken gebunden. Ebenso wenig geht es hier um Verdrängung, im Gegenteil: Verdrängung schafft Bindung und arbeitet tief in meinem Unterbewusstsein in schädigender Weise. Um frei zu sein, muss ich mich aber von negativen und schädigenden bzw. belastenden Bindungen lösen können. Es gibt keine Verbote, ich muss nicht Eremit oder Mönch sein um das Wu Wei zu leben. Ich kann das Leben und die Dinge, die es mir bietet, stets in der Gegenwart lebend Zug für Zug genießen. Doch darf ich diesem Genuss nicht nachhängen. Wenn ich jeden Tag an das gute Essen von letzter Weihnacht denke, dann habe ich aufgehört zu leben, zumindest im „Hier und Jetzt“ und wie kann ich mir dann noch das gute Essen von heute schmecken lassen? Steht aber das gute Essen gegenwärtig auf dem Tisch, dann spricht nichts dagegen, dieses auch vom ersten bis zum letzten Happen zu genießen.
Allerdings sollte man das Essen nicht als gut bezeichnen, da ich es hier wieder in eine vergleichende Beziehung zu einem anderen Essen setzen würde – sprich die Unterscheidung zwischen gut und schlecht kann nicht real sein, weil an unsere Gedankenwelt gebunden. In Wirklichkeit sind die Dinge nicht gut oder schlecht, sie sind einfach nur Dinge und Dinge sind nicht Wirklichkeit. Und jede weitere Erklärung bringt nur Unklarheit und daher Schluss damit an dieser Stelle! Oder besser gesagt: Einfach nicht drüber nachdenken ;-)


Arzneien gegen Gedanken:

Als eine wirksame Arznei gegen den nicht enden wollenden Gedankenfluss dient:

Das Beobachten als Grundlage der Aufmerksamkeit.

Man merkt es schon, die Medizin gegen überschäumende Gedanken sind keine Pillen sondern Schulung des Geistes. In diesem Fall durch beobachten der aufkommenden Gedanken, durch gedankenloses beobachten der Welt durch die wir spazieren, durch das gedankenverlorene aber höchst wache und absichtslose fühlen und verfolgen der Aktionen des Übungspartners im Kampfkunsttraining. Absichtsloses Fühlen stellt hier so eine Art Fühlen ohne zu fühlen dar - es ist mehr ein Wissen, ohne jedoch zu wissen. Also das ungefilterte Handeln aus der Intuition heraus.

Nehme ich mich als Einheit mit meiner Umgebung wahr, steigert das natürlich auch den Respekt und die Sensibilität gegenüber meinem „Umfeld“. Ich achte „die Anderen“ ob nun Mensch oder Tier oder unsere Natur im Allgemeinen, denn ich bin nun nicht mehr bloß ein Teil davon, ich bin die Natur in ihrer Gesamtheit. Erfahre ich Einheit, hört natürlich auch die „Zweiheit“ also das Ungeeinte auf zu existieren. Damit befinde ich mich in einer anderen Welt, die in den alten Klassikern verschiedener Kulturen oft beschrieben ist. Im Taijiquan folgt aus dieser Einheit in der Bewegung wiederum Teilung, nämlich die "Zweiheit" des Taiji - Yin und Yang, welche in der Ruhe wiederum zu einer Einheit verschmilzen. Taijiquan ist das Spiel mit diesen drei Kräften.